Eisberg-Methode

Eine Übung, die bewusstes Mentalisieren unterstützt – für Deeskalation, Beziehungsgestaltung und feinfühlige Begleitung.

Worum geht es?

Was wir bei anderen Menschen beobachten können – was sie tun, sagen oder eben auch nicht – nennen wir Verhalten. Unter diesem Verhalten liegen – angelehnt an die Eisberg-Metapher (z. B. im Satir-Modell) – mentale Zustände, zum Beispiel Bedürfnisse, Gefühle, Absichten und Vorstellungen.

Diese mentalen Zustände sind nicht sichtbar; wir können sie nur erahnen. Dieses „Erahnen“ nennt sich Mentalisieren (vgl. Mayer, Berkic & Becker-Stoll, 2020; Mayer, Berkic & Beckh, 2020).

Mentalisierung ist in der pädagogischen Arbeit elementar. Wir mentalisieren, um zu verstehen, was ein Mensch warum tut – und um ihn dann bestmöglich begleiten zu können. Kinder dabei zu unterstützen, ihre Gefühle wahrzunehmen und zu verbalisieren, ist eine Grundlage dafür, die Regulation von Emotionen zu meistern (Haug-Schnabel & Bensel, 2017, S. 52 ff.).

Beim Mentalisieren besteht jedoch eine große Gefahr: Wir können uns irren. Wir können anderen Menschen Bedürfnisse, Absichten, Gefühle und Vorstellungen zuschreiben, die nicht zutreffen. Gerade dann kann es zu Konflikten und Eskalationen kommen (Stichwort: herausforderndes Verhalten).

Besonders Stress – vor allem interpersoneller Stress – kann sich negativ auf die Fähigkeit zu mentalisieren auswirken (Fonagy & Luyten, 2009; Nolte, 2013; Rutherford et al., 2015). Die gute Nachricht ist: Mentalisieren und Mitgefühl können trainiert werden (Singer & Bolz, 2013) – mit positiven Effekten auch auf die eigene mentale Gesundheit (Lindsay & Creswell, 2017; Lomas et al., 2019; Malin, 2023).

Ziele der Übung sind:

  • Sie machen sich eigene, möglicherweise festgefahrene Denkmuster über einzelne Personen bewusst.
  • Sie versetzen sich bewusst in die Lage einer anderen Person.
  • Sie lassen neue Perspektiven auf die inneren Zustände (z. B. Gefühle, Bedürfnisse, Gedanken) einer Person zu.
  • Sie treten von bisherigen Bewertungen und Interpretationen zurück und entwickeln neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit der Person.

Dauer: ca. 30 Minuten

Vorbereitung

Stellen Sie sich eine ganz konkrete Situation mit der Person vor, bei der Sie mentalisieren möchten. Halten Sie die Szene kurz und stichpunktartig fest – vom Beginn über den Hauptteil bis zum Ende. Notieren Sie also nicht nur den Moment der Eskalation, sondern auch, was davor und danach passiert ist.

Wichtig ist:

  • Verzichten Sie auf Interpretationen und Bewertungen.
  • Beschreiben Sie nur das, was Sie mit Ihren Sinnen wahrnehmen können.

Vielen Erwachsenen fällt es schwer, Worte für „echte“ Gefühle und Bedürfnisse zu finden – vielleicht, weil sie selbst kaum Vorbilder dafür hatten. Nehmen Sie sich vor der Übung kurz Zeit, um einen Blick auf die Liste mit Gefühlen und Bedürfnissen zu werfen. Als Warm-up: Welches Gefühl und welches Bedürfnis passt gerade zu Ihnen?

Hilfreich: Eine Liste mit „echten“ Gefühlen und Bedürfnissen – von Gabriel Fritsch. Online unter: https://www.gfk-mediation.de/ Liste online · PDF

Rahmen für die Übung

Versuchen Sie, sich so weit wie möglich in die Situation einzufühlen – aus der Perspektive der Person, bei der Sie mentalisieren möchten. Sie können die Situation auch körperlich „nachspüren“. Zusätzlich kann es unterstützen, die Szene kurz nachzuspielen.

Wie können wir die Übung als Team nutzen?

Überlegen Sie – jede Person bzw. jede Gruppe für sich: Was würde die Person (das Kind) in dieser Situation sagen, wenn sie in der Lage wäre, ihre mentalen Zustände akkurat zu beschreiben?

Vervollständigen Sie aus Sicht der Person:

  • Ich fühle mich …
  • Ich brauche …
  • Ich versuche …
  • Ich hoffe …
  • Ich denke …
  • Ich sorge mich um …
  • Ich glaube …

Nehmen Sie sich dafür etwa 20 Minuten Zeit. Tragen Sie Ihre Ergebnisse anschließend jeweils in eine eigene Spalte ein. Unterschiedliche Nuancen oder sogar völlig andere Deutungen sind ausdrücklich erwünscht: Je mehr, desto besser.

Wenn es Ihnen hilft, Abstand zu gewinnen, stellen Sie sich vor, das Ergebnis bezöge sich auf verschiedene Kinder.

Überlegen Sie im Team, wie Sie behutsam – gemeinsam mit dem Kind – seine Gefühle und Bedürfnisse besser verstehen können. Überlegen Sie außerdem gemeinsam, was Sie dem Kind individuell und als Team anbieten können.

Das kann auf individueller Ebene beispielsweise mehr sprachliche Begleitung oder eine visuell unterstützte Kommunikation sein. Auf struktureller Ebene kommen etwa Rückzugsmöglichkeiten, überschaubare und nachvollziehbare Übergänge oder die Öffnung von Räumen und Strukturen in Frage.

Überlegen Sie in diesem Zusammenhang auch: Was würde Ihre Arbeit – für Sie persönlich und im Team – entspannter machen?

Beteiligung der Kinder

Benennen Sie in der Situation mögliche Gefühle und Bedürfnisse – bleiben Sie dabei jedoch in einer fragenden Haltung. Formulieren Sie nicht als Fakt, sondern als Einladung, und prüfen Sie gemeinsam, ob es passt. Das kann in emotional aufgeladenen Momenten stark deeskalierend wirken.

Wenn Sie Gefühle und Bedürfnisse auf diese Weise gemeinsam mit den Kindern benennen, leisten Sie einen wertvollen Beitrag zur Emotionsregulation. Das Kind kann dabei erleben, dass es gesehen und verstanden wird – oder zumindest, dass Sie sich bemühen, es zu verstehen. So kann es nicht nur wieder in Kontakt mit sich selbst und mit Ihnen kommen, sondern auch seinen Emotionswortschatz erweitern und damit seine Möglichkeiten stärken, eigene mentale Zustände auszudrücken.

Machen Sie dem Kind gerne die individuellen oder strukturellen Angebote, die Sie im Team entwickelt haben.

Hinweise

Alles „unter der Wasserlinie“ (Gefühle, Bedürfnisse, Absichten, Vorstellungen) sind Hypothesen – keine Fakten.

Ziel der Methode ist, den Blick für möglicherweise festgefahrene Interpretationsweisen oder sogar Stigmatisierungen einzelner Personen zu öffnen und Raum für andere Perspektiven zu schaffen.

Falls Sie den Eindruck haben, dass im Team aus Hypothesen neue „Wahrheiten“ werden, kann die Methode paradoxerweise neue Zuschreibungen erzeugen (z. B. „Das Kind will doch nur …“). Wenn Sie merken, dass das passiert, weisen Sie sich bitte gegenseitig darauf hin und unterstützen Sie einander mit Formulierungen wie: „Es könnte sein, dass … / Vielleicht braucht … / Eine Möglichkeit wäre …“.

Datenschutz

Ihre Eingaben werden optional im Browser (Local Storage) gespeichert, damit Sie später weiterarbeiten können. Bitte nutzen Sie ausschließlich anonymisierte Fallskizzen (keine Namen oder identifizierenden Details). Wenn Sie unsicher sind, verzichten Sie auf das Speichern oder löschen Sie die Browserdaten bzw. den Local Storage.

Wann ist die Methode eher nicht allein geeignet?

  • bei stark belasteter Kommunikationskultur im Team. Greifen Sie dann besser auf eine externe, neutrale Moderation zurück.
  • bei starken Triggerreaktionen Beteiligter in der Beziehung zur betreffenden Person. Gehen Sie hier besonders sensibel vor, insbesondere wenn es bereits zu Grenzverletzungen kam, und ziehen Sie bei Bedarf externe Unterstützung hinzu.
Eisberg-Metapher
Bildnachweis: Eisberg von Pxhere · Quelle
Bibliographie

Fonagy, P., & Luyten, P. (2009). A developmental, mentalization-based approach to the understanding and treatment of borderline personality disorder. Development and Psychopathology, 21(4), 1355–1381. https://doi.org/10.1017/S0954579409990198

Haug-Schnabel, G., & Bensel, J. (2017). Grundlagen der Entwicklungspsychologie: Die ersten 10 Lebensjahre (12. vollständig überarbeitete und deutlich erweiterte Auflage). Herder.

Lindsay, E. K., & Creswell, J. D. (2017). Mechanisms of mindfulness training: Monitor and Acceptance Theory (MAT). Clinical Psychology Review, 51, 48–59. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2016.10.011

Lomas, T., Medina, J. C., Ivtzan, I., Rupprecht, S., & Eiroa-Orosa, F. J. (2019). A Systematic Review and Meta-analysis of the Impact of Mindfulness-Based Interventions on the Well-Being of Healthcare Professionals. Mindfulness, 10(7), 1193–1216. https://doi.org/10.1007/s12671-018-1062-5

Malin, Y. (2023). Others in Mind: A Systematic Review and Meta-Analysis of the Relationship Between Mindfulness and Prosociality. Mindfulness, 14(7), 1582–1605. https://doi.org/10.1007/s12671-023-02150-3

Mayer, D., Berkic, J., & Becker-Stoll, F. (2020). Bindungsrepräsentationen von pädagogischen Fachkräften in Kindertageseinrichtungen. Frühe Bildung, 9(4), 203–210. https://doi.org/10.1026/2191-9186/a000493

Mayer, D., Berkic, J., & Beckh, K. (2020). Mentalisieren als Voraussetzung für feinfühliges Verhalten von pädagogischen Fachkräften: Methodenentwicklung und Ergebnisse einer Pilotstudie. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung / Discourse Journal of Childhood and Adolescence Research, 15(3–2020), 301–317. https://doi.org/10.3224/diskurs.v15i3.06

Nolte, L. (2013). Becoming visible. The impact of parental mental health difficullties on children. In R. Loshak (Hrsg.), Out of the mainstream: Helping the children of parents with a mental illness (S. 31–44). Routledge.

Rutherford, H. J. V., Wallace, N. S., Laurent, H. K., & Mayes, L. C. (2015). Emotion regulation in parenthood. Developmental Review, 36, 1–14. https://doi.org/10.1016/j.dr.2014.12.008

Singer, T., & Bolz, M. (Hrsg.). (2013). Compassion: Bridging practice and science. Max Planck Society.

Zur Übung

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Übung

Szene (Beobachtung) festhalten, dann mögliche mentale Zustände sammeln und daraus Erkenntnisse sowie Handlungsideen ableiten.

Rahmendaten

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Eisberg-Metapher (groß)
Bildnachweis: Eisberg von Pxhere · Quelle

Szene (Beobachtung)

Mentalisieren-Tabelle

Jede Spalte = eine Person/Gruppe (z. B. Gruppe A, Gruppe B, eigene Sicht…). Spalten können hinzugefügt/entfernt werden. Hilfreich: Liste online · PDF

Gedanken, Ideen und Erkenntnisse

Handlungsideen

Ergebnis & PDF

Zusammenfassung Ihrer Eingaben. Mit „PDF erstellen“ öffnet sich der Druckdialog (als PDF speichern).

Meta

Eisberg-Metapher (für PDF-Ansicht)
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Szene (Beobachtung)

Mentalisieren-Tabelle

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Gedanken, Ideen und Erkenntnisse

Handlungsideen