Kinderschutzkonzept für die Kita: Warum eine Vorlage allein kein Kind schützt

Wer „Kinderschutzkonzept Kita Vorlage“ googelt, sucht meist nach einer Datei zum Herunterladen. Am besten etwas, das man ausfüllen, abheften und vorzeigen kann, wenn die Aufsicht fragt. Das ist verständlich – seit dem Kinder- und Jugendstärkungsgesetz von 2021 müssen alle Kindertageseinrichtungen für ihre Betriebserlaubnis ein Konzept zum Schutz vor Gewalt entwickeln, anwenden und überprüfen (§ 45 Abs. 2 Nr. 4 SGB VIII). Und weil es dafür keine klaren, formalen Vorgaben gibt, ist die Unsicherheit über konkrete Inhalte, Aufbau und Formulierung groß.

Eine Vorlage scheint die naheliegende Antwort. Aber eine Vorlage allein schützt kein Kind.

Was ist das Wichtigste an einem Kinderschutzkonzept?

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Eine pädagogische Fachkraft beobachtet, wie eine Kollegin ein Kind beim Essen zum Aufessen zwingt. Sie spürt, dass das nicht in Ordnung ist. Und sagt nichts.

Das ist kein Einzelfall. Boll und Remsperger-Kehm kommen in ihrer Explorationsstudie zu verletzendem Verhalten in Kitas zu dem Schluss, dass der häufigste Umgang mit verletzendem Verhalten „die drei Affen“ sind: nichts sagen, nichts hören, nichts sehen (Boll & Remsperger-Kehm, 2021b S.63 ff., vgl. 2021a). Prengel findet in Beobachtungsstudien, dass durchschnittlich etwa 20 Prozent aller Interaktionen zwischen Fachkräften und Kindern als verletzend einzuordnen sind (Prengel, 2020, S. 5).

Grenzverletzendes Verhalten gegenüber Kindern anzusprechen – in einem geschlossenen System, von dem man selbst ein Teil ist, wie in der Kita – kann extrem schwer sein. Viele Pädagog*innen erleben oder befürchten selbst negative Konsequenzen, wenn sie Situationen gegenüber Kolleg*innen ansprechen: verletzende Blicke, Gruppenbildung im Team, Konflikte bis hin zu Mobbing (Lagemann et al., 2025, S. 25). Das Miterleben solcher Situationen kann mit starken und vielfältigen Gefühlen verbunden sein: Mitgefühl für das Kind, Wut, vor allem aber mit Hilflosigkeit und Ohnmacht (Boll & Remsperger-Kehm, 2021b, S. 56 f.)

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Kinderschutz ist, es anzusprechen

Wenn Unsicherheiten und Ängste so groß sind, dass Erwachsene sich nicht trauen, Kinder zu schützen, bringen die besten Vorgaben und Verfahrensabläufe nichts. Verfahrensabläufe bringen nichts, wenn sie nicht gelebt werden.

Damit Abläufe im Team wirklich funktionieren, braucht es mehr als eine ausgefüllte Vorlage.

Es braucht:

  • das offene Thematisieren von Sorgen, Unsicherheiten und Ängsten aller beteiligten Personen im Team
  • einen vertrauensvollen Umgang miteinander, der auch den reflektierten und professionellen Umgang mit eigenen Grenzen einschließt
  • Gegenseitige und selbstverständliche Unterstützung im Team, vor allem in Belastungs- und Überforderungssituationen
  • die Gewissheit, dass alle Teammitglieder in ihrer Wahrnehmung ernst genommen werden und verletzendes Verhalten angesprochen werden darf und sollte – für die Kinder und für die Person, die beim Beobachten darunter leidet
  • ein gemeinsames Verständnis von Kinderschutz, Kinderrechten und Gewalt
  • eine klare, schriftlich festgelegte Orientierung, die alle im Team verstehen und der sich alle verbindlich verpflichten

Diese Dinge lassen sich nicht herunterladen. Sie entstehen nur, wenn ein Team sie gemeinsam erarbeitet. Deshalb sind Kinderschutzkonzepte eine Chance für Teamentwicklung.

Warum gerade der gemeinsame Prozess schützt

Dass es kaum verbindliche Vorgaben für die Erstellung gibt, führt einerseits oft zu Unsicherheit und Orientierungslosigkeit in der konkreten Ausgestaltung. Andererseits ist genau dieser Handlungsspielraum elementar wichtig dafür, dass ein pädagogisches Team wirklich gemeinsam zu einem Konzept kommt, mit dem es sich identifizieren und an das es sich damit auch verbindlich halten kann.

Eine fertige Vorlage nimmt dem Team genau diesen Prozess ab. Werden Entscheidungen und Maßnahmen über die Köpfe der einzelnen Teammitglieder hinweg getroffen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass keine Verbindlichkeit entsteht.

Bei einem teamgetragenen Konzept geht es nicht nur darum, abstrakt festzuhalten, welches Verhalten gewaltvoll ist. Generelle Formulierungen sind zu schwammig und geben in der konkreten pädagogischen Situation wenig Orientierung. Vielmehr sollte für jede einzelne pädagogische Alltagssituation – das Essen, das Schlafen, das Wickeln, die Übergänge u.s.w. – ein klarer Rahmen abgesteckt werden (vgl. Hildebrandt et al., 2024). Wie wollen wir es machen? Und ebenso klar: Welches Verhalten ist bei uns nicht zulässig, und was tun wir dann? Wer spricht wann und wie an, auch vor den Kindern, und wie geht es dann weiter? Erst wenn das im Konsens geklärt ist, wissen alle im Team, bei welchem Verhalten es genau gilt, sich Unterstützung zu suchen oder zu intervenieren.

Was ein gelebtes Kinderschutz-Konzept ausmacht

Es gibt einen klar begrenzten Entscheidungsraum für pädagogische Teams. Dieser Rahmen ist nicht willkürlich. Er richtet sich an rechtlichen Grundlagen, geltenden Kinderrechten und den aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen aus. Innerhalb dieses Rahmens hat ein Team Handlungs- und Entscheidungsfreiheit. Der Rahmen gibt die Sicherheit, der Spielraum die Freiheit.

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Die Praxis zeigt, dass viele Teams sehr dankbar für diesen Rahmen sind, der Orientierung und Sicherheit bietet. Sie zeigt auch, dass viele Verhaltensweisen im Team schnell einen Konsens finden. Dennoch ist es wichtig, dass die Teams diesen Prozess gehen und es nicht bei Anweisungen und Vorgaben bleibt. Sonst besteht die Gefahr, dass diese Vorgaben als geduldiges Papier im Schreibtisch liegen.

Ein gutes Kita-Kinderschutzkonzept ist individuell. Ein lebendes und gelebtes Konzept zeichnet sich durch eine eigene Sprache aus. Vielleicht auch durch eine etwas holprige Formulierung oder den einen oder anderen Tippfehler hier und da. Es sollte klar werden: Hier haben echte Menschen sich wirklich Gedanken gemacht. Es ist das Ergebnis eines Prozesses: Wir haben gemeinsam als Team beschlossen, dass wir das so machen.

Vorlagen sinnvoll nutzen als Werkzeug, nicht als Ersatz

Das alles heißt nicht, dass Vorlagen und Textbausteine wertlos wären. Im Gegenteil: Sie können eine hilfreiche Grundlage sein – zum Streichen, Umformulieren, Neuschreiben. Es kann gut sein, dass ein Team passendere Formulierungen für sich findet, die es besser versteht und die besser zu ihm passen, im Kern aber das Gleiche aussagen. Entscheidend ist allein, dass am Ende alle einstimmig sagen können: „Das ist unser Verfahrensablauf. So machen wir das.“

Eine Vorlage zu nutzen ist ein Werkzeug, eine Methode. Das Konzept entsteht im Team.

Wenn Sie als Leitung oder Träger vor der Aufgabe stehen, ein Kinderschutzkonzept für Ihre Kita zu entwickeln, ist der erste Schritt also nicht der Download einer Datei. Es ist die Entscheidung, sich gemeinsam auf den Weg zu machen – mit allen Unsicherheiten, die dazugehören, und mit dem Ziel, dass am Ende das Team, die Leitung und der Träger Verantwortung übernehmen. Abläufe und Meldewege sollen dabei so niedrigschwellig wie möglich sein, damit sie im Alltag tatsächlich wahrgenommen werden.

Denn Kinderschutz ist, es anzusprechen.

Wenn Sie Ihr Team bei der Entwicklung eines Kinderschutzkonzepts begleiten lassen möchten, vereinbaren Sie gern ein Erstgespräch.

Boll, A., & Remsperger-Kehm, R. (2021a). Schaut nicht weg! Zum Umgang mit verletzendem Verhalten in der Kita. Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. https://www.nifbe.de/images/nifbe/Aktuelles_Global/2021/20210928-verletzendes-verhalten-web-1.pdf

Boll, A., & Remsperger-Kehm, R. (2021b). Verletzendes Verhalten in Kitas (1. Aufl.). Verlag Barbara Budrich. https://doi.org/10.3224/84742556

Enders, Kossatz, Kelke, & Eberhardt. (2010). Zur Differenzierung zwischen Grenzverletzungen, Übergriffen und strafrechtlich relevanten Formen der Gewalt im pädagogischen Alltag. Zartbitter e.V. http://www.zartbitter.de/gegen_sexuellen_missbrauch/Fachinformationen/6005_missbrauch_in_der_schule.php

Hildebrandt, F., Pergande, B., & Autor*innengruppe. (2024). Bildungsplan—Erweiterte Grundsätze elementarer Bildung in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung im Land Brandenburg. Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg. https://mbjs-fachportal.brandenburg.de/sixcms/media.php/102/bildungsplan.pdf

Lagemann, M., Dobelmann, N., & Bock-Famulla, K. (mit Bertelsmann Stiftung). (2025). Teamarbeit in KiTas: Zentral für Schutz  und Wohlbefinden von Kindern: Praxis zeigt dringenden Handlungsbedarf! Bertelsmann Stiftung. https://www.bertelsmann-stiftung.de/doi/10.11586/2025109

Prengel, A. (2020). Destruktive Beziehungen in pädagogischen Arbeitsfeldern – Empirische und theoretische Zugänge. Pädagogische Beziehungen. https://paedagogische-beziehungen.eu/wp-content/uploads/2020/05/Prengel_DestruktiveBeziehungen.pdf

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